Canceln. Ein notwendiger Streit. Hrsg. von Annika Domainko, Tobias Heyl, Florian Kessler, Jo Lendle, Georg M. Oswald. München: Hanser 2023. 224 Seiten. ISBN 978-3-446-27613-0. Preis [A] 22,70 €.

 

Ein Band über das Dauerbrennerthema Canceln, Untertitel „Ein notwendiger Streit“, da wird man als Rezensentin schon mal vorsorglich nervös. Hat jetzt wirklich noch jemand noch mehr dazu zu sagen? Und ist wirklich noch mehr Streit notwendig? Wäre es nicht besser, wir streiten endlich etwas weniger? Die Cancel-Culture, in der wir, so suggerieren es zumindest viele (sozialen) Medien, alle momentan leben, kennt, so scheint es zumindest, nur zwei Seiten. Auf der einen Seite diejenigen, die alles und jeden canceln wollen, der ihnen nicht in den Kram passt, die mit Gendersternen und Political-Correctness um sich werfen, die nach Unisex-Toiletten schreien und Harry Potter boykottieren, die alles verbieten wollen und damit die Grundfesten unserer demokratisch-liberalen Ordnung gefährden. Auf der anderen Seite jene, die permanent gecancelt werden, dabei wollen sie doch nur ihre rassistischen, homophoben, sexistischen Statements anbringen, mit dem Argument „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, die sich das N-Wort nicht verbieten lassen und zu Fleiß noch ein Z-Schnitzel bestellen, die Witze über Minderheiten machen und so arg unter der Beschränkung ihrer Meinungsfreiheit leiden, dass sie bei Markus Lanz in Schnappatmung verfallen, ob ihrer eigenen Boykottierung. Ob des medialen Dauergeplänkels, in dem sich die Ewiggleichen zu Wort melden und man schon beim Namen weiß, welche Position die Person einnehmen wird, würde man eher (eigentlich deutlich) zum Nein tendieren, nein, so einen Band braucht es nicht. Weit gefehlt, muss man nach der Lektüre sagen, denn der bei Hanser erschienene Sammelband macht genau das nicht, was die übliche Behandlung des Themas und auch der Titel ein bisschen erwarten lässt, er nimmt nicht eine Seite ein, sondern er versucht, verschiedene Positionen zusammen zu bringen. Das nennt man dann Diskurs und der funktioniert hier erstaunlich gut. Dass es nicht einseitig und polemisch wird, das lässt schon die Liste der Beitragenden erahnen: Asal Dardan, Adrian Daub, Hanna Engelmeier, Jürgen Kaue, Konrad Paul Liessmann, Ijoma Mangold, Lothar Müller, Mithu Sanyal, Marie Schmidt, Johannes Schneider, Anna-Lena Scholz und Daniela Strigl.

Der Untertitel ist tatsächlich etwas irreführend, denn gestritten wird nicht. Die Beiträger:innen beschäftigen sich für sich mit unterschiedlichen Debatten, Autor:innen, theoretischen Fragestellungen. Es gibt kein Thema, zu dem beispielsweise zwei unterschiedliche Positionen eingenommen werden. Die zwei oben skizzierten Lager sind in dem Band daher auch nicht angelegt, sie blitzen in einzelnen Beiträgen durch, aber lassen sich meist nur erahnen. Vielmehr geht es wohl darum, die scheinbare Polarisierung aufzuheben und Debatten in ihrer Komplexität zu würdigen, statt sich auf die brav eingeübten ideologischen Positionen zurückzuziehen. Das Schöne an vielen Beiträgen ist, dass man bei vielen Beiträgen tatsächlich nicht voraussagen kann, welche Position da bezogen werden wird. Wer würde schon davon ausgehen, dass ausgerechnet Mithu Sanyal eine Lanze für die, um im Vokabular des Titels zu bleiben, gecancelte britische Autorin Enid Blyton bricht? Sanyal benennt ihren Rassismus, auch ihren Sexismus, weigert sich aber, deswegen das ganze Werk zu verwerfen. Blytons Bücher seien auf Augenhöhe mit den jugendlichen Leser:innen, sie vermitteln Abenteuer, Freiheit und seien gerade in Großbritannien nur aufgrund ihres Verkaufserfolges lange als Schund abgetan worden.

Inhaltlich werden viele der diskursbestimmenden Debatten der letzten Jahre aufgegriffen, es gibt aber auch weniger erwartbare Themen und Beiträge, etwa jener Hanna Engelmeiers über Dorothee Elmigers Bearbeitung von Kleists Die Verlobung in St. Domingo. Engelmeier nähert sich über die auf Twitter verhandelte Frage nach dem Umgang mit Kleists Texten an Universitäten, neben der Verlobung auch der Marquise von O. (deren kontroversielles Potential nun wirklich nicht sonderlich neu ist). Ausgelöst hatte die Debatte ein Tweet des in den USA lehrenden Germanisten Helmut Müller-Sievers, der sich darüber beschwert, dass in jeder Lehrveranstaltungseinheit erst mal eine halbe Stunde lang Triggerwarnungen notwendig seien. Engelmeier schlägt daraufhin vor, sich dem Text über den Umweg von Elmigers Bearbeitung zu nähern, was sie in ihrem Beitrag im Band näher ausführt. Dem kann man zustimmen oder nicht, die Idee ist jedenfalls interessant und könnte tatsächlich einen Mehrwert bringen. Es fragt sich allerdings, ob ausgerechnet der vielschichtige Kleist, den man eben nicht auf eine Position festnageln kann, der richtige Autor ist, um solche Umwege zu gehen. Gerade Kleist würde sich dazu eignen, einfachgestrickte ideologische Lesarten zu überwinden und zu zeigen, dass literarische Texte anders zu behandeln sind, als Kommentare in der Zeitung. Wenig überzeugend, ja sogar ärgerlich, ist Engelmeiers Kritik an Ruth Klügers Aufsatz zu Kleists Verlobung. Das Klüger Kleist „‘unseren Zeitgenossen‘“ nennt, spricht für Engelmeier dafür, „dass sie nicht nur ihn, sondern auch ihr Publikum und sich selbst vom Rassismus freispricht“ (S. 26). Das tut sie mitnichten. Abgesehen davon, dass es etwas gewagt ist, ausgerechnet Ruth Klüger ein blindes Auge für Rassismus zu unterstellen, denn wer Klügers Aufsatz kennt, der weiß, dass sie Kleists Modernität im Blick hat, was die immer noch so fruchtbare Auseinandersetzung mit Kleists Texten bestätigt. Weshalb dies das Publikum von Rassismus freisprechen soll, erklärt sich nicht.

Man könnte jetzt jeden Beitrag durchgehen, doch liefe man nur Gefahr, sich an Debatten zu beteiligen, also selbst den untertitelgebenden Streit zu beginnen, und auch darin liegt die Leistung dieses Bandes: Er ist keine Twitter-Bubble. Er füttert nicht beständig die schon gebildete Meinung, er fordert sie auch heraus. Manche Beiträge sind argumentativ einseitiger als andere, doch auch das macht nichts, weil insgesamt Balance gehalten wird, wodurch die Trennung der „zwei Parallelwelten“ (S. 80), wie Daniela Strigl das Phänomen des polarisierten Diskurses treffend nennt, zumindest in diesem Band, überwunden wird. Strigl beschäftigt sich gewohnt pointiert mit der Debatte um die Übersetzung von Amanda Gormans Inaugurations-Gedichtes The Hill We Climb. Strigl wendet sich mit deutlichen Worten gegen Kampagnen, die „durch ein Ineinandergreifen von moralischer Diskreditierung und symbolischem Ausschluss“ (S. 78) funktionieren. „Identitätsübersetzung statt Literaturübersetzung“ sieht sie in der am Ende tatsächlich an Konsequenzen reichen Debatte um Gorman-Übersetzungen gefordert. Damit bringt sie zwei Ebenen zusammen, die diskursiv in alle Cancel-Debatten eingeschrieben sind: die moralische Ebene und die literarische. Moralisch kritisiert sie den Umgang mit dem Anderen, mit jenen, die nicht der eigenen Meinung sind. Es kann sogar Personen treffen, die sich gar nicht selbst aktiv in eine Debatte eingebracht haben, wie in diesem Fall Marieke Lucas Rijnevelds, die Gorman ins Holländische übersetzen sollte, nach identitätspolitischen Angriffen, als weiße, nonbinäre Person sei sie dafür nicht geeignet, aber davon zurücktrat. Diese moralische Ebene verschränkt sie mit einer Vorstellung von Literatur, die nicht nur die Identifikation sucht, sondern sich das Fremde aneignet: „Vielleicht wäre es auch für die kleinen und großen Übersetzungsprojekte unserer Gegenwart heilsam, ein Quäntchen Fremdheit zuzulassen.“ Hier wäre es tatsächlich spannend gewesen, einen zweiten Debattenbeitrag zu haben, etwa von Sharon Dodua Otoo, die in einem Essay darauf hinweist, „dass sowohl rassismuskritische Sprachkenntnisse als auch Schwarze Kulturproduktion an sich eigene Fachgebiete sind“. Das hätte gezeigt, dass es für beide Positionen gute Argumente sind, die sich nicht einmal widersprechen müssen. Aber um das zu bemerken, muss man eben miteinander sprechen, oder, etwas radikaler, miteinander streiten.

Besonders hervorgehoben seien außerdem Asal Dardans Beitrag über Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sowie Marie Schmidts umsichtige Analyse der Vorgänge um Monika Marons Verlagswechsel. Den Herausgeber:innen ist es gelungen, starke Beiträge (der eine oder andere fällt etwas ab) zu einem Panoptikum der Cancel-Debatte zu kuratieren. Man lernt dabei mehr als auf X, formerly known als Twitter.