Was der Familie Weihnachten, ist dem Literaturbetrieb der Wörthersee. Alle Jahre wieder treffen sich dort seine Akteure: Verleger, Programmleiterinnen, Lektoren, Presseleiterinnen, Literaturkritiker. Alle Jahre wieder gibt es Wiedersehensfreude und Spannungen. Und wie heiß auch immer es ist und hergeht, schwitzen müssen vor allem die Autorinnen und Autoren: beim Lesen im Rampenlicht und vor allem, wenn sie danach den Messern der Kritikerinnen und Kritiker ausgesetzt werden.

Eine Sonderwelt ist Klagenfurt, wie sie sich bildet, wenn Büchermenschen unter sich sind. Die Literatur, der Welt sonst eine Marginalie, wird nun zum Nabel derselben. Hier ist Literatur wichtig, und man selbst wird es dadurch auch – oder glaubt es zumindest. Man mag einander oder auch nicht, man kennt einander oder auch nicht, badet gemeinsam im See und trinkt sich gemeinsam durch die Nacht. Und möglicherweise findet man dabei zwar nicht den Partner fürs Leben, aber doch einen neuen Autor für den Verlag.

Für die zahlreichen Mitglieder des Literaturbetriebs gibt es also genug Gründe, jedes Jahr nach Klagenfurt zu kommen. Doch ins Fernsehen – und damit an die potenziellen Zuschauer – kommt anderes. Und das ist einzigartig. Drei Tage lang so viel Literatur im Fernsehen – und zwar als gesprochenes Wort! Nicht als platte Illustration eines Buchinhalts oder (wenn sich der Text so gar nicht illustrieren lässt) als Filmbeitrag, der ein Buch zeigt, das auf einer Wäscheleine hängt und die Seiten im Wind flattern lässt. Nicht als Homestory, in der der Autor selbst sein Werk erklärt. Denn die in Klagenfurt gezeigten Autorenporträts sind kurz und Marginalien. Im Mittelpunkt steht, so scheint es, hier immer noch der Text. Worte, Worte, Worte. Gelesene Worte erst, dann die Worte der Kritiker. Worte, Worte, Worte. Von Donnerstag früh bis Samstag nachmittag. Worte, Worte, Worte.

Nun könnten Zweifler fragen, wie sinnvoll es ist, in den Bildschirm zu schauen und zuzusehen, wie ein Text gelesen wird. Aber nach wie vor erfreuen sich Autorenlesungen auch andernorts großer Beliebtheit. Es scheint halt doch etwas Besonderes, den Urheber sein Werk selbst lesen zu hören – sogar wenn er es schlecht liest. Der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen meinte im Vorjahr, der Bewerb erinnere an das Vorlesen, an die Begegnung, an die „Körperlichkeit der Literatur“. Man könnte freilich auch in Frage stellen, warum man sich freiwillig das Geplänkel von professionellen Kritikern anhören soll statt in derselben Zeit selbst ein Buch zu lesen. Doch tatsächlich bieten diese Tage die fast einmalige Chance, Leserinnen und Lesern jene Kriterien transparent und verständlich zu machen, nach denen professionelle Leser versuchen, Literatur zu unterscheiden in gelungene und weniger gelungene Werke. Gerade diese Veranstaltung könnte Auskunft geben darüber, wie viele Lesarten es gibt, selbst unter geübten Lesern. Und wie man herausfindet, wie ein Text funktioniert oder auch nicht, was eine gute Sprache ist und was ein schlechter Stil.

Die Tage der deutschsprachigen Literatur könnte man daher als unterhaltsamen Kurzkurs in Germanistik ansehen. Denn selten findet man so viele professionelle Leser an einem Ort. Und so könnte man die unterschiedlichen Argumentationen und Literaturvorstellungen miteinander vergleichen und sich dann eine eigene Meinung bilden, auch gegen die Jury. Die Juroren könnten die einmalige Chance ergreifen, den Prozess ihrer Beurteilungen interessierten Leserinnen und Lesern transparent zu machen.

Wäre da nicht der Konjunktiv. Denn in den letzten Jahren schien die Jury erstaunlich argumentationsmüde und wenig begeistert von den von ihr selbst ausgesuchten Texten bzw. – eine wichtige Präzisierung – von den von den Kollegen ausgewählten Texten. Denn aus Prinzip scheinen nur die eigenen Nominierungen zu interessieren (jeder Juror darf zwei Texte vorschlagen) und aus Prinzip interessieren die Nominierungen der anderen (oder: bestimmter anderer) Juroren nicht. Die Unlust zu argumentieren, die je nach Charakter der handelnden Person ein anderes Gewand anzog, reichte im Vorjahr vom simplen Kundtun des (Nicht-)Gefallens über grantiges Zwischenbeißen bis zu kryptisch-intellektuellen Bemerkungen. Manche Aussagen verrieten mehr über die Psychodynamik in der Jurorenrunde denn über die Qualität eines Textes. Unterhaltsam ist das manchmal schon, nachvollziehbar für das zuschauende Publikum sind die Entscheidungen und Beurteilungen aber oft nicht.

Zudem waren die Highlights der Literatur der letzten Jahre keine. Zwar preisen jene Bände, die im Folgejahr stets die gelesenen Texte versammeln, die „besten Texte“ an, „die die junge deutschsprachige Literatur zu bieten hat“. Doch das ist wohl eine Übertreibung, die nur als Werbespruch durchgeht. Es ist der deutschsprachigen Literatur zu wünschen, dass es bessere Texte gibt als jene, die in den vergangenen Jahren hier gelesen wurden – um es pauschal zu sagen, denn Ausnahmen bestätigen die Regel, werden aber nicht unbedingt mit Preisen ausgezeichnet. Böse Stimmen zu diesem Faktum, dem Mangel an auffällig guten Texten, gibt es genug. Die einen meinen, die Juroren machten sich zu wenig Mühe, Talente aufzuspüren. Die anderen behaupten, viele interessante Autoren wollten bei dieser Veranstaltung gar nicht lesen – manche hätten schon mehrmals abgewunken.

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, sagte Burkhard Spinnen in seiner Schlussrede der Tage der deutschsprachigen Literatur 2008 . Auf die Jury kann man den ersten Halbsatz heuer nicht beziehen, denn nachdem Karin Fleischanderl zwei Jahre lang als österreichische Literaturkritikerin ihren Dienst tat, sitzt heuer nun wieder Daniela Strigl am Podium, die sich schon von 2003 bis 2008 bewährte. Sehr viel Veränderung ist das nicht. Eine Änderung ist allerdings in der Tatsache zu sehen, dass Paul Jandl, inzwischen Lektor, in der Jury verblieb. Diese Entscheidung der Veranstalter erstaunt und signalisiert keine erfreuliche Entwicklung, die man leider auch andernorts wahrnehmen kann. Soweit das noch geht, sollte die Literaturkritik doch von Verlagsinteressen unbehelligt bleiben.

Jochen Hörisch meinte einmal, Literatur und Fernsehen könnten sich einfach nicht verstehen. Eigentlich hatten die Tage der deutschsprachigen Literatur über viele Jahre das Gegenteil bewiesen. Als es 2008 eine Schrumpfversion gab, mit Moderator Dieter Moor, der den Diskussionen über die gelesenen Texte nicht gerade förderlich war, befürchtete man schon hinter vorgehaltener Hand das Ende der Veranstaltung. Das Jahr danach war man wieder moorlos und schöpfte Hoffnung. Doch Programm (14 statt 18 Kandidatinnen und Kandidaten) und Jury (7 statt 9 Juroren und Jurorinnen) blieben verkleinert – und auch das Studio. Fernsehgerechte Umgestaltung nennt man das wohl, wenn die Biertischbänke verschwinden und mit ihnen viel Publikum und Lebendigkeit, nämlich auch die spontanen Unmutsäußerungen. Diese erwiesen einst zwischen den zugegebenermaßen nicht gemütlich zu besitzenden Biertischbänken die Mitleser und Hörerinnen als aufmerksame Kritiker.

Nun „goes“ der Bachmann-Preis „Europe“, per Internet – und das ist rühmlich. Alle gelesenen Texte sind downloadbar, und durch die Übersetzungen in andere Sprachen werden den Autorinnen und Autoren Brücken in andere Länder gebaut. Es bleibt aber zu hoffen, dass der Wettbewerb nicht ganz im Netz verschwindet. Denn wo sollte sich dann der Literaturbetrieb familiär versammeln? Und wo könnte er die Leserinnen und Leser raunen hören?

Brigitte Schwens-Harrant , 12.6.2011
b.schwens-harrant@gmx.at

Abbildung: ZuhörerInnen beim Bachmannpreis vor dem Klagenfurter Funkhaus (© Brigitte Schwens-Harrant)