Worum geht es eigentlich realiter in Klagenfurt, bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur", fragten sich dieses Jahr erstaunt nicht nur die zusehenden Literaturkritiker. Und worum ginge es? Von Brigitte Schwens-Harrant

Es begann mit der Erinnerung an das Vorjahr, als ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz angekündigt hatte, den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vielleicht abzuschaffen – eine Ansage, die sich nach Findung zahlender Kooperationspartner gut inszeniert in Wohlgefallen auflöste. Es gibt ihn also noch, den Bachmann-Preis, und es soll ihn weiter geben – alarmierend waren am Eröffnungsabend der diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur allenfalls die Bilder, in denen die Kärntner ORF-Intendantin von der Veranstaltung sprach, nämlich: "Insel" und "Saurier".

Juroren, Autoren und Kulturjournalisten waren sich im Vorjahr einig, dass die Veranstaltung notwendig und der öffentlich-rechtliche Sender in die Pflicht zu nehmen sei. An der Quote kann die Bedeutung nicht liegen. Es muss etwas anderes sein, das Verlags- und Medienvertreter aus Schweiz, Deutschland und Österreich hierher lockt. Der abendliche Empfang am Wörthersee wird's nicht sein, auch nicht etwaige Wettschwimmen oder sonstige Familienausflugsgepflogenheiten. Was in Klagenfurt (bzw. zuhause vor den Bildschirmen) professionelle Leser mit den Einfachsolesern verbinden könnte: Sie könnten zusehen, wie auf der Bühne geübte und belesene Leser versuchen zu argumentieren, was eigentlich Kunst sei.

Ein altes und keineswegs leichtes Unterfangen und zugegebenermaßen umso schwieriger vor Publikum, bei laufender Kamera, Zeitdruck und Gruppendynamik. Jeder möchte klug, mancher möchte witzig sein – und jeder möchte seinen Kandidaten durchbringen.

Der öffentliche Streit über Kunst wäre ein gewichtiger Grund, diese Veranstaltung am Leben zu halten. Man könnte nebenher auch demonstrieren, dass die Arbeit von Literaturkritikern nicht so subjektiv ist, wie oft unterstellt wird, und die Arbeit von Germanisten nicht so weltfremd. Dass das alles also schon seinen Sinn hat, nicht nur, weil es eigenes Denken und Urteilsfähigkeit anfeuern könnte. Was ja auch nicht wenig wäre.

Was Kunst ist und wann sie gelungen ist: In Zeiten von Regelpoetiken hatte man es einfacher das festzustellen. Da gab es Standards, die galt es zu erfüllen, dann war es gut und womöglich auch wahr und schön.

Doch sollte es die Zeiten des klaren Wahren und des von allen als solches erkannten Schönen je gegeben haben, so sind sie längst vorbei. Auch in Klagenfurt will keiner Regelpoetiken einführen oder Handbücher über die wahre Kunst herausgeben. Man weiß, auch wenn es die Sache nicht einfacher macht, dass diskursiv errungen werden muss, was Kunst und wann und warum sie gelungen ist. Kunst braucht den Streit, und die Maßstäbe, die man wertend an sie anlegt, sind nicht ein für alle Mal gegeben, sie müssen intersubjektiv nachvollziehbar sein – und mit Argumenten beim Gegenüber auch beworben werden.

Das könnte spannend sein. Dafür böte der Bewerb in Klagenfurt einen wunderbaren, weil öffentlichen Raum. Einige Juroren versuchten diesbezüglich wohl auch ihr Bestes, auch der neue Juror Arno Dusini, der gründlich in die Texte sah, dann aber leider seine Ausführungen so kompliziert formulierte, dass man sich am Ende manchmal fragte, was wurde da eigentlich gerade gesagt.

Man könnte also gemeinsam (nämlich Juroren und Leser) Texte genauer ansehen. Auch den Plot, die Geschichte, das Thema. Gibt's Nabelschau, gibt's gesellschaftliche Relevanz? Gibt's Dinge, die man meint wiederzuerkennen, etwa den Tod durch Ersticken durch Kopfpolster (Haneke und Kuckucksnest lassen grüßen). Worte und Sprachbilder kommen selten allein, sondern haben Tradition und Bedeutung im Gepäck – und so mancher Text trägt schwer daran. Der scheidende Juryvorsitzende Burkhard Spinnen dazu: "Und dann kommt dieser Nerz und stellt sich vor mich auf und sagt: Hallo Burkhard, ich bin der literarische Nerz. Und dann sage ich: Hallo, ich kenne dich, du wirst jetzt etwas erleben, von dem ich glaube, ich weiß, was passiert und was du zu tun hast. Und dann sagt der Nerz meistens zu mir: ja, du hast recht, es wird so kommen, wie du es annimmst. Und das finde ich für Literatur ein bisschen unter ihren Ansprüchen. Ich finde, wenn mir in einem jetzt geschriebenen Text ein Nerz entgegenkommt, dann muss der mir etwas Neues zu sagen haben, dann muss der mich überraschen." Texte der Kritik auszusetzen, bedeutet, genau nachzusehen: Wie sind sie gebaut? Hat da wer versucht, mit der Sprache zu gestalten wie etwa Katharina Gericke oder Michael Fehr? Oder rinnt da etwas über die Seite, was heute leicht und unterhaltsam zu lesen ist, aber morgen schon niemanden mehr interessiert?

Das könnte alles sein. Darum ginge es, und nicht um Autorenvernichtung. Umso wichtiger wäre, dass die Texte, die in Klagenfurt verhandelt werden, ein gewisses Niveau nicht unterschreiten. Damit man solche Fragen an ihnen respektvoll verhandeln kann, ohne grob werden zu müssen. Das zu leisten, wäre Aufgabe der Jury, denn jeder Juror darf zwei Kandidaten wählen. Es gibt Juroren, die sprechen direkt Autoren an und bitten sie teilzunehmen. Es gibt Juroren, die sehen die vielen Einsendungen durch. Es gibt Juroren, die haben beste Verlagskontakte und sprechen mit Lektoren. Warum also finden die herausragenden Texte ihren Weg nach Klagenfurt nicht? Denn heuer wurden durchwegs mittelmäßige Texte vorgetragen – und diese oft in erstaunliche Höhen interpretiert. Kaum zu glauben, dass deutschsprachige Autoren keine besseren Texte verfassen, als die hier präsentierten. Wäre das ein Wein-Jahrgang, müsste man sagen: Trinkt von den vorangegangenen Weinen, lasst den heurigen aus und wartet, was nächstes Jahr kommt. Und prost.

Traut sich kein Autor mehr nach Klagenfurt? Doch die Chance, mit viel Geld nach Hause zu kommen, ist außergewöhnlich groß. Ist eh alles wurscht, wie die Zeit und die SN nun titulieren? Sind manche Juroren schon zu lange im Amt?

Drei Tage Gespräch über Texte – und dann: Sieht man am Abstimmungstag sieben Juroren, von denen jeder für seinen Kandidaten stimmt (außer Hildegard Keller, aber sie hatte keinen auf der Shortlist). Sehen so Ergebnisse von Gesprächen aus? Ist es wirklich nicht möglich, vom eigenen Ego abzusehen und zu sagen: Okay, der Text, den du aufgetrieben hast, ist wirklich interessanter? Zugegeben, dieses Jahr war nichts klar Herausragendes dabei. Aber das Problem steckt doch auch im System: Die Juroren laden die Autoren ein, sie wollen sie also nicht im Stich lassen. Das ist die freundliche Lesart dieses Abstimmungsphänomens. Die weniger freundliche: Jeder Juror möchte mit seinem Kandidaten gewinnen. Es geht also gar nicht um den besten Text, und der Streit darüber war eine Farce? Diesem Problem könne man begegnen, schlug Harald Klauhs in der Presse vor, wenn man eine Jury die Texte auswählen und eine andere Jury diese dann diskutieren ließe.

Was für Texte müssten am Ende eines solchen Bewerbes mit dem mit 25.000 Euro hoch dotierten und (noch) renommierten Bachmann-Preis und den weiteren Preisen ausgezeichnet werden?

Texte, die auch in einer Woche, einem Monat, aber auch in einem Jahr, in fünf Jahren beim Wiederlesen staunen lassen, über Sprache und Stimmigkeit, über Form und Handwerk, über den Raum, den sie öffnen; Texte, die man überhaupt noch einmal (und noch einmal) lesen will.

Brigitte Schwens-Harrant

Zuerst erschienen in: Die Furche , Nr. 28 vom 10.7.2014