Daniela Strigl: Zum Trotz. Erkundung einer zwiespältigen Eigenschaft. Salzburg: Residenz 2025.

Am 28. und 29. November 2024 fand in Graz die Herbstvorlesung statt, eine Veranstaltung der Akademie Graz in Zusammenarbeit mit der Zeitung DIE PRESSE und dem hiesigen Literaturhaus. Die Wahl der Vortragenden fiel auf die für ihre Essayistik und Literaturkritik prämierte Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl. Ein absoluter Glücksfall, wie die Lektüre der in Buchform im Salzburger Residenz-Verlag publizierten Vorlesung zeigt. Die ehemalige und langjährige Jurorin des Bachmann-Wettbewerbs ist nicht nur eine profunde Kennerin der Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Vielmehr ist es Strigl immer wieder gelungen, öffentlichkeitswirksam die soziale und politische Relevanz literarischer Imagination hervorzuheben. Sie wirkt solchermaßen als Kritikerin der Literatur im doppelten Wortsinn: als Kritikerin literarischer Texte und als literarisch versierte Kritikerin der Gegenwart. Eine solche Statur gewinnt angesichts des dank Internet ubiquitären Angebots an semi- und vollautomatisierten Medienprodukten an Dringlichkeit und Relevanz. Vonnöten wäre die Übung genauer Wahrnehmung, etwa durch das Lesen und die Reflexion komplexer sprachlicher Artefakte auf ihre humane Relevanz. Und Strigls Themenwahl – die zwiespältige Eigenschaft des Trotzes – eignet sich ideal für das Anliegen, Bereiche der kanonisierten und weniger bekannten Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts nach Anregungen und Strategien zu sondieren, wie den derzeitigen technologischen, sozialen und politischen Umwälzungen zu begegnen und Ohnmacht in Gegenwehr zu verwandeln wäre.

Aus den Arsenalen literarischen Widerstands schöpft Strigls Essay auf knapp 150 Seiten nicht nur zahlreiche Mittel und Beispiele, sondern führt diese auch der (selbst-)kritischen Betrachtung zu. Das Unterfangen erinnert, obgleich in einer anderen Sparte und einem anderen Medium beheimatet, an den bei der jüngsten Oscar-Vergabe erfolgreichsten Film One Battle After Another von Paul Thomas Anderson, in dem verschiedene Phasen und Gruppierungen des politischen Widerstands in den USA, von der Menschenrechtsbewegung über die Black Panther bis zum Widerstand gegen die aktuelle Immigrationspolitik narrativ verknüpft werden. Der Film erzählt einerseits die Geschichte des Aufbegehrens als einen generationen- und gruppenübergreifenden Prozess, bei dem aus geschlechtlichen, sexuellen, ethnischen und anderen Gründen unterdrückte Gruppen ihr Leben für ein besseres aufs Spiel setzen. Andererseits stellt er Motivation und Umsetzung des Widerstands zugewandt, aber persiflierend dar. Die Figuren werden von Außen, etwa von der Staatsgewalt oder von militaristischen und faschistischen Gegnern, bekämpft und überdies von Innen durch Marotten, Selbstgerechtigkeit und Gewaltverliebtheit bedroht. Paul Thomas Anderson reüssiert darin, zwischen den Gruppen und Generationen zu vermitteln, indem er auf Gemeinsamkeiten und vergleichbare Gefahren hinweist. Fusioniert der Film mit seinem panoramatischen Sog partikulare Kräfte gegen eine hegemoniale Übermacht, so ist Strigls Buch ein Versuch, „literarische Texte in ihrer unbeschnittenen Eigengesetzlichkeit“ (12) einzusetzen, um negative und positive Aspekte des Trotzes – „Aufbegehren ohne Sinn und Ziel, ein unvernünftiges Festhalten an etwas einmal Beschlossenem“ (7) auf der einen, „Standfestigkeit, Rückgrat, Mut“ (ebd.) auf der anderen Seite – abzuwägen. Ihr gelingt es, den Kritiker:innen des Trotzes Paroli zu bieten und dessen Energien produktiv zu machen. 

Das Buch ist unterteilt in sieben Kapitel, wobei das erste als Einleitung fungiert und Lichter auf die folgenden Seiten wirft. Es folgen etymologische, psychologische und juristische Ausführungen, ehe sich der Hauptteil mit den Figuren des Widerstands anschließt. Folgende Typen des Aufbegehrens und der moralischen Empörung werden darin präsentiert: der Archetyp des Trotzes: Michael Kohlhaas, dann der Rebell, Wilderer, Terrorist, Desperado, Amokläufer, Dissident, Einzelkämpfer; es folgen Querdenker, Quälgeister und Querulanten und schließlich der Trotzkopf, weiblich. Strigl entwickelt diese Figuren primär anhand von Texten des 19. und 20. Jahrhunderts, wobei neben realistischer Literatur aus den Federn von Marie von Ebner-Eschenbach, Ferdinand von Saar oder Peter Rosegger auch Texte aus dem „Norden des deutschen Sprachraums“ (15) einen Platz behaupten: Neben Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas wird Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche ausführlich kommentiert, zudem gehen Friedrich Schillers und Jean Anouilhs Dramenadaptionen des Jeanne d’Arc-Komplexes in die Interpretation ein. Ferner steuert Strigl Zitate aus Songs von Johnny Cash (bzw. den Eagles) und Leonhard Cohen bei. Das Buch runden zwei Appelle, Vom Nutzen und Schaden des Dagegenseins und Trotzdem Kunst, ab, wobei insbesondere der Abschluss den „Impuls zu Widersetzlichkeit“ (134) als notwendiges Ingrediens sozialer Aktivität mit der Arbeit mit und an Literatur verbindet. Es ist ein kraftvolles, emphatisches Finale, nach dessen Lektüre sich viele durch Strigl und die Literatur in ihren, hoffentlich nicht nur der Eigenliebe geschuldeten, Kämpfen bestärkt fühlen dürften.

Strigls Essay nutzt die Vielfältigkeit der von ihr gewählten Gattung, um sich dem Phänomen aus diversen Richtungen zu nähern. Sie weist eingangs auf ihre eigene Disposition zum Trotz hin, durchwandert behände diverse Wissensbezirke, thematisiert unterschiedliche Gegenstände, erwähnt Angrenzendes und abwegig Erscheinendes. Aus der Etymologie des Trotzes hebt sie die positiven Seiten der Eigenschaft, Trutzhaftigkeit, Kühnheit, „verbunden mit der festen Entschließung, allen Hindernissen muthig entgegen zu treten“ (Adelung zit. nach ebd. 14), hervor. Ähnlich wie der Zorn, den Peter Sloterdijk als ‚thymotischen‘ Affekt bezeichnet, sei auch der Trotz eine Spielweise „heroischen Tuns“ (15). Diese Aspekte seien jedoch zugunsten der negativen Elemente des Trotzes ausgeblendet worden. Zum Lemma ‚Trotz‘ erwähnt das DWDS an erster Stelle „weder Stolz noch Mut“ (16), sondern das Kindische und Pubertäre des Gefühls.

Das Kapitel zur Psychologik des Trotzes ist umfassender, es geht auf die psychologische und psychoanalytische Diskussion des aufmüpfigen kindlichen Charakters im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein. Aus dem „Konflikt zwischen Wollen und Können“ (17) entstehe, so die Psychologie, bei kleinen Kindern eine Frustration, die zuweilen körperlich abreagiert werde. Der Versuch, die abwertend klingende ‚Trotz- als neutralere ‚Autonomiephase‘ zu bezeichnen, könne jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass im psychologischen Diskurs legitimere Aspekte von „Widerstand und Bereitschaft, sich zu wehren“ (18f.), verblassten. Die Psychoanalyse lässt dem Trotz ebenfalls keinen Glanz: Die trotzige Kontrolle des Stuhls diene dem Kind dazu, seinen Eigensinn durchzusetzen. Frustration, Tobsucht, Geiz und sonderliches Verhalten jeglicher Couleur haben Psychologen und Psychoanalytiker aus der Anlage zu Hochmut und Eigensinn erklärt. Dagegen führt Strigl Psychoanalyse-Kritiker wie Karl Kraus und Sloterdijk ins Feld, die sich gegen die (Sexual-)Pathologisierung der Aufmüpfigkeit wehren, letzterer indem er den „Menschen unzeitgemäß als ‚Träger von stolzen und selbstaffirmativen Regungen’“ (22) betrachtet.

Das Kapitel zur Recht, Gesetz, Gerechtigkeit beginnt mit einer furiosen Analyse von Ferdinand Freiligraths Gedicht Trotz alledem! und geht dann zum Naturrecht über. Ob das Naturrecht etwas ist, „was uns befähigt festzustellen, ob ein Gesetz ungerecht ist“ (28), sei dahingestellt. Jene Auffassung setzt Strigl jedenfalls ein, um über Wilderei und Waldfrevel zu sprechen. Es war „in Österreich bis 1975 grundsätzlich verboten“ (29), in den Wald zu gehen, um Klaubholz zu sammeln. Wie das Holzklauben, bei dem man ja selbst die Natur bearbeitet, zählt Strigl die Wilderei zu den Taktiken des Aufbegehrens gegen ungerechte Eigentumsverhältnisse. Die Essayistin erwähnt anschließend diverse Arenen möglicher politischer Gegenwehr, denn „[i]n zivilen Krisen demokratischer Gesellschaften kommt der symbolischen Wirkung des Widerstands naturgemäß höhere Bedeutung zu.“ (36) Sie schlägt den Bogen vom Verzicht auf militärischen Widerstand gegen die Hitler’sche Okkupation seitens der österreichischen Regierung 1938 zu den Umweltprotesten der 1980er und den Aktionen der Klimaaktivisten der Gegenwart. Was hier deutlich wird, ist eine erstaunliche Fähigkeit, Ereignisse, Texte und Begriffe zu verknüpfen, die nur in seltenen Momenten forciert und assoziativ wirkt.

Die Kohlhaas-Interpretation umfasst acht Seiten und bilanziert, dass Kleist „Kohlhaas’ Trotz als berechtigt, seinen hypertrophen Rachedurst jedoch als verwerflich“ (47) schildert. Strigl betont, dass die Geschichte „mit einem Triumph der Widersetzlichkeit, einem Punktum des Trotzes“ (44) endet. Auf dem Schafott verschlingt Kohlhaas vor den Augen des sächsischen Kurfürsten jene Botschaft, die dieser unbedingt erfahren möchte. Strigl arbeitet konzise die Umschlagmomente heraus, an denen aus Kohlhaas’ berechtigter Auflehnung maßlose Rache wird. Ihr präzise Profilierung des ambivalenten Kohlhaas’schen Charakters hilft dann auch den Übergang zum „Typus des trotzigen Politikers“ (49) vom Schlage Donald Trumps nachzuvollziehen. Denn der 45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten inszeniert sich zwar als kühner einsamer Rächer der von übermächtigen staatlichen und sozialen Eliten geknechteten einfach Volksseele – hier kann man allerdings kaum von einem legitimen Widerstand und zivilem Ungehorsam sprechen, da, so Strigl, die „‚Richtigkeitsüberzeugung‘“ (51) der Trumpianer keinen Irrtum und keine Prüfung ihrer Ansprüche auf Wahrhaftigkeit zulässt. Der Rebell Kohlhaas findet einen wahren Bruder im Geiste dagegen in Roseggers Bauernroman Jakob der Letzte (1887), wobei der Protagonist Jakob eher eine Hiob-Figur ist und die anprangende Stimme dem Erzähler gehört.

Im Kapitel zum Wilderer geht Strigl auf den Fall des letzten Wilderers Pius Walderer aus Osttirol in den 1980er Jahren ein. Sie leuchtet mit dem Wilddieb eine tendenziell österreichische Dimension des öffentlichen Ungehorsam an den Texten Ebner-Eschenbachs und Roseggers aus. Es folgen Kapitel zum Terroristen, mit Hinweisen auf Theodor Kramers Gedicht Der Wurf am Kai, das ein Attentat auf den Signalmast der Donauuferbahn im Jahr 1934 thematisiert, sowie mit der Erwähnung Heinrichs Bölls, dem seitens der Springer-Presse eine Unterstützung der RAF nachgesagt wurde. Zu den literarischen Heroinen, die zugleich Figuren des Trotzes sind, zählt Strigl Esther, Antigone, Jeanne d’Arc, zu den Desperados Gottfried Kellers Pankraz, dem schmollenden Helden einer der Novellen aus dem Novellenzyklus Leute aus Seldwyla, zu den Amokläufern Travis Bickle aus Martin Scorseses Film Taxi Driver. Als Dissidenten firmieren Alexei Nawalny, Maria Heim und Karl Bleimfeldner, letzterer die Vorlage zu Thomas Arzts Roman Die Gegenstimme (2021), in dem Arzt dem Widerstand gegen die Nazi-Besatzung ein Gesicht gibt: Heim und Bleimfeldner hatten bei den keineswegs geheimen Wahlen gegen den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland gestimmt. Über eine mitreißende Interpretation von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi gelangt Strigl dann zu Peter Handke und damit von einer fiktiven und „deprimierende[n] Komödie […] zu einer realen Tragödie der jüngeren Vergangenheit “ (101). Handke habe sich „früh als Dissident der öffentlichen Meinung im ‚Westen‘ positioniert“ (101); Strigl erwähnt die Widersprüche, Blindheiten und „Realitätsverweigerung“ (103) Handkes. Sein „Trotz gewinnt so ein naiv-regressives Moment, erscheint wie das Aufstampfen eines zornigen Kindes. Hier hat sich ein rabiater Rappelkopf in seiner gedanklichen Wagenburg verschanzt und findet keinen Ausweg mehr.“ (103) Gerne hätte man in Graz bei diesen Worten Mäuschen gespielt.

Gewinnt bei Handke die negative Tendenz des Trotzes die Oberhand, so rückt Strigls Essay die Einzelkämpfer Karl Kraus und Walter Rhode in ein vorteilhafteres Licht. „Der junge Advokat [Walter Rhode; PP] machte sich einen Namen, weil er Klienten vertrat, an deren Verurteilung höchsten Stellen der k. u. k. Monarchie gelegen war.“ (109) Auch als Pamphletist zielte Rhode auf übermächtige Gegner, Justiz, Beamtentum, den NS-Staat im Nachbarland. Im Kapitel zu Quälgeistern, Querdenkern, Querulanten bleibt der Essay seiner Ausrichtung und Qualität treu, die Analyse des ambivalenten Dagegendenkens und -handelns mit Kenntnissen des Rechtssystems und Beispielen aus Geschichte und Fiktion voranzubringen. Die Analyse wird danach im Kapitel zum Trotzkopf, weiblich abgeschlossen. Darin präpariert Strigl mit Emmy von Rhodens Trotzkopf und Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung die weibliche Dimension des Trotzes und dessen versuchte patriarchalische Einhegung heraus: Man/n suchte die widerspenstige Frau durch Ehe und Haushalt zu ‚heilen‘.

Was hier nur angedeutet werden konnte, sind die immense Belesenheit und kulturdiagnostische Fähigkeit der Autorin, die den Trotz als ambige Eigenschaft profilieren helfen. Man stimmt ihren Beobachtungen sowie den Schlussfolgerungen, die in den letzten beiden Kapiteln entwickelt werden, zumeist zu. Trotz, liest man dort, ist ein zweischneidiges, bisweilen sinnvolles und notwendiges Phänomen: „Trotz im öffentlichen Leben erfordert […] in jedem Fall gute Nerven, mitunter auch Zivilcourage oder wirklichen Mut.“ (138) „Trotz ist nicht zuletzt eine Haltung, die sich als Reaktion auf eine ausgeprägt kunstfeindliche Gegenwart aufdrängt.“ (140) Insbesondere das „Rückzugsgefecht der Literatur“ (140), das neben anderem ein Resultat des bildungspolitischen Reformeifers (Euphemismus!) ist, ‚triggert‘ Strigls Widerstand. Sie legt dar, wie sehr sie unter „der neuen Lingua franca [leidet]: dem Fachdidaktikchinesisch.“ (142) Die Ersetzung von Bildung – am einzelnen Menschen und am Kollektiv ausgerichtet – durch Kompetenzen – am Markt und der Vergleichbarkeit ausgerichtet – bedauert Strigl mit wohltuender Verve. Dass Strigl den Kanon, trotz all seiner Problematik als Machtinstrument, hochhält, überrascht dann kaum. Als „ideelle und ästhetische Gesprächsbasis“ (144) braucht es den Kanon, denn gerade ästhetisch anspruchsvolle Literatur vermag „Kinder und Jugendlichen vor Augen [zu führen], dass gewisse Befindlichkeiten, Affekte und Probleme nicht Erscheinungen unserer Zeit sind, sondern in der Natur des Menschen liegen.“ (145) Literatur „vermag das kritische Bewusstsein junger Menschen zu schärfen“ (145); sie vermag es, „politische Bildung auf emotional nachhaltige Weise zu erreichen.“ (145) Strigls abschließender kämpferischer Appell geht über die Gegenwart hinaus, zeigt er doch Besorgnis für ein Publikum, „das nach dem trotzigen Gegenmodell eines utopischen Träumens und Denkens verlangt“ (148) – einem Gegenmodell, das wir im Bildungs- und Mediensystem gegenwärtig zu verlieren drohen.  

Es ist Strigl rundheraus für ihre Courage und Klarheit zu danken. Ihr Essay, der für den Widerspruchsgeist einer feministischen österreichischen Position steht, will aber auch, scheint mir, zum Widerspruch anregen und einen Austausch über Betrachtungsweisen initiieren. In diesen Austausch wäre eine genauere Darlegung jener Passagen wünschenswert, in denen die Zusammenführung entfernter Elemente und Diskurse assoziativ wirkt. Dies ist etwa dort Fall, wo Rechtsgeschichte, Geschlechtergeschichte und -theorie und Philologie verschaltet werden sollen: In der Antigone-Interpretation argumentiert Strigl mit dem „Prinzip des ‚Phallogozentrismus‘“ (76); einem Konzept, das auf „Jaques [sic] Derrida“ (76) zurückgeführt wird; der Essay setzt das Phallische mit der patriarchalischen griechisch-antiken Welt m. E. gleich und bezeichnet Sophokles als jemanden, der sich zu einer „nichtphallischen Auffassung von Vernunft und Besonnenheit“ (77) bekennt. Dieser Schritt von poststrukturalistischer Sprach- und Geschlechtertheorie zur historischen Antike und zum realen Autor Sophokles wirkt forciert. Eine „nichtphallische[] Auffassung von Vernunft“ wäre im „Phallogozentrismus“ (Derrida, Irigaray) nicht denkbar, da jegliche Zentrierung durch Konzepte (Strigl erwähnt die ‚Phronesis‘) stets wieder logozentrischer Art wäre. Derrida hat sich in Politik der Freundschaft hierzu geäußert. Das erwähnte Naturrecht jedenfalls ist in poststrukturalistischer Perspektive keineswegs eine ‚andere Vernunft‘, zumal es nach Rechtsaxiomen sucht und von ‚Meisterdenkern‘ und -texten geprägt wurde.

Anscheinend soll hier eine avancierte poststrukturalistische Antigone-Interpretation mit den vorherigen Ausführungen zur Wilderei und zum Naturrecht verbunden werden. Ein interessanter Ansatz, der wohl einer weiträumigeren Herleitung und Ausarbeitung bedürfte. Womöglich hätte sich hier Jacques Lacans Antigone-Interpretation zu Rate ziehen lassen. Lacan hat Antigones Begehren als ein Begehren verstanden, das keine naturrechtliche Absicherung benötigt – und ist der Trotz nicht auch und gerade dann, wenn er alles, also den Tod, in Kauf nimmt, die ultimative Herausforderung des Gesetzes? Antigone vertritt – in Lacans Deutung – keinen positivierbaren Standpunkt. Vielmehr leitet er aus ihrem Verhalten die Ethik der Psychoanalyse, so der Titel des Seminars 1959/1960, ab, deren Imperativ zum Verfolg des Begehrens auffordert, zu welchem Preis auch immer. Und hier ist die Verbindung zu Kohlhaas evident, der sich wie Antigone nicht mit der Herstellung des Rechts, Rückgabe der Pferde, symbolisches, stilles Begräbnis von Bruder Polyneikes, zufriedengibt. Indes der eine mordbrennend wütet, begibt sich die andere in die Wechselrede mit Kreon. Beide bahnen in der Herausforderung der Gesetzeskraft der Gerechtigkeit höchstens negativ den Weg.

Der Terrorismus ist ein weiterer Punkt des Essays, der zur Diskussion einlädt. Auf die Antigone-Interpretation folgt der Hinweis auf den einstigen Stuttgarter CDU-Bürgermeister Manfred Rommel. Er hatte den im Gefängnis Stuttgart-Stammheim durch Freitod aus dem Leben geschiedenen RAF-Mitgliedern ein Gemeinschaftsgrab im Dornhaldenfriedhof zugebilligt, wofür er kritisiert wurde. Rommel hatte vergeben können. Am Grab eines anderen RAF-Terroristen suchte man Vergeben vergeblich. Während des Begräbnisses von Holger Meins rief Rudi Dutschke mit erhobener Faust am 18.11.1974 sein trotziges „Holger, der Kampf geht weiter.“ Eine Geste, ein Satz, die in die linke Protestkultur eingegangen sind. Und nicht nur sie. Man könnte hinsichtlich der RAF etwa an Andreas Baaders und Gudrun Ensslins ‚Coolness‘ während des Prozesses anlässlich der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftungen denken. Es sind solche zu Posen und Phrasen gewordenen Akte des Aufbegehrens, die Paul Thomas Andersons Film auf ihre ikonische Wirkung hin kritisch befragt. Diese Gefahr des Trotzes, als Mode und ritualisiertes Massephänomen insb. in der Postmoderne entschärft zu werden, ließe sich diskutieren. Eine andere, damit womöglich verbundene Tendenz der Linken wird von Strigl dagegen mit wünschenswerter Klarheit moniert. Sei es aus Treue zum Gewohnten, sei es aus Trotz, sie bemängelt die autoritäre Dimension von Sprachregelungen, prangert die ahistorische „ethische Säuberung in Kunst und Wissenschaft“ (136) an und erwähnt die fatalen Bedenken, ein „mit ‚sexistischer’ und ‚kolonialistischer’ Problematik gesättigtes Werk dem akademischen Nachwuchs zuzumuten.“ (136) Solches umzusetzen, erfordert kaum Mut und Eigensinn – anders als Daniela Strigls großartiger Essay Zum Trotz.