Postmoderne in der deutschen Literatur. Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren. Hrsg. von Uwe Wittstock. Göttingen: Wallstein 2015. 412 S. ISBN: 978-3-8353-1602-7. Preis [A]: € 25,60.

 

Bei einem Buch, das  den sachlichen Titel Postmoderne in der deutschen Literatur und den aparten Untertitel „Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren“ trägt, könnte man vorsichtig fragen: Wenn man für Lockerungsübungen fünfzig Jahre braucht, sind dann womöglich entweder die Übungen zu schwer oder aber die Übenden zu verkrampft? Dem Titel des Buches nach zu schließen, bestehen die Übungen selbst ja offenbar darin, die Postmoderne in der deutschen Literatur zu etablieren. Nicht postmodern, sondern schlichtweg obligatorisch für alle, die sich zur Postmoderne äußern, ist der Hinweis, dass der Begriff ‚Postmoderne‘ zum einen nach wie vor nicht klar definiert [*] und zum anderen unglücklich gewählt sei. Denn natürlich kann man darauf wetten, dass die Menschen in 1000 Jahren oder sogar schon in 750 Jahren, wenn sie die heutige Epoche charakterisieren, diese nicht als ‚Postmoderne‘ bezeichnen werden. Gut, die Postmoderne heißt so, weil sie nach der Moderne kam. Was aber kommt nach der Postmoderne? Die Postpostmoderne? Oder ist die ‚Postmoderne‘ ohnehin nur ein behelfsmäßiger Terminus, der benutzt wird von Leuten, die der Ansicht sind, dass die Moderne das Ende der Geschichte eingeläutet habe und dass das Wort ‚Gegenwart‘ irgendwie zu unterkomplex klinge? Und was kommt dann nach der Postpostmoderne? Der Abgrund?

Uwe Wittstock schreibt in seiner Einleitung:

„Postmoderne wird in diesem Reader nicht als grundsätzliche Zurückweisung der ästhetischen Moderne oder als der Versuch ihrer Ablösung verstanden, sondern als eine Haltung, die bestimmte Tendenzen der Moderne stärker akzentuiert, andere dagegen radikal kritisiert. Die Differenz[en] zwischen ihr und der klassischen Moderne lassen sich eher mit der zwischen Früh- und Spätromantik vergleichen als mit der zwischen Barock und Aufklärung. […] Dirk von Petersdorff hat jüngst den einleuchtenden Vorschlag gemacht, den Begriff Postmoderne innerhalb der ästhetischen Diskussion zur Bezeichnung eines Transformationsprozesses innerhalb der Moderne zu benutzen“ (S. 9).

Aber wie immer, wenn man an diesem Punkt angelangt ist, bleibt nur noch festzustellen, dass sich der Begriff ‚Postmoderne‘ eben eingebürgert hat und dass man, statt sich über den Begriff den Kopf zu zerbrechen, ja doch irgendwann, nämlich am besten jetzt, mit der Diskussion beginnen sollte.

Beginnen wir aber lieber mit dem Namedropping. Die Anthologie Postmoderne in der deutschen Literatur ist wie folgt aufgebaut: Einer kurzen Einleitung des Herausgebers folgen in chronologischer Ordnung 33 bewusst nicht wissenschaftliche, sondern poetologische oder essayistische Beiträge, die in vier Kapitel unterteilt sind. Diesen vier Kapiteln sind wiederum eigene Einleitungen des Herausgebers vorgeschaltet. Das erste Kapitel, „Die Ermüdung der Moderne“, besteht aus Hans Magnus Enzensbergers Nachwort zum Museum der modernen Poesie . Das zweite Kapitel „E wie U, Pop wie Porno“ versammelt Beiträge von Leslie A. Fiedler, Jürgen Becker, Helmut Heißenbüttel, Reinhard Baumgart, Wolfgang Hädecke, Martin Walser, Hans Egon Holthusen, Robert Neumann, Heinrich Vormweg, Peter O. Chotjewitz und Rolf Dieter Brinkmann. Das dritte Kapitel, „Pluralismus und Privileg“, enthält Arbeiten von Günter Grass, Peter Rühmkorf und Heiner Müller. Im vierten Kapitel, „Roman oder Leben“, finden sich Texte von Hanns-Josef Ortheil, Reinhard Baumgart, Bernd Eilert, Klaus Modick, Peter Sloterdijk, Christoph Ransmayr, abermals Hanns-Josef Ortheil, Bodo Kirchhoff, Sten Nadolny, Uwe Kolbe, Uwe Timm, Dagmar Leupold, Martin R. Dean, Ulrich Woelk, Burkhard Spinnen, Dirk von Petersdorff, Daniel Kehlmann und Durs Grünbein. Den Band beschließen ein längeres Nachwort von Uwe Wittstock sowie biobibliographische Angaben.

Enzensbergers 1960 erschienenes Nachwort zum Museum der modernen Poesie erachtet Wittstock als eine Art Startschuss für die Debatte um Postmoderne in der deutschen Literatur. Wie so oft in seiner Karriere hat Enzensberger aber auch hier zu früh geschossen; jedenfalls kam die Debatte selbst erst viele Jahre später in die Gänge. Und so sehr man sich bei diesem langen Nachwort daran stören kann, dass die Analyse von einem manifestartigen Tonfall überlagert wird, so sehr muss man doch Enzensbergers kosmopolitischen Blick bewundern, der auch die literarischen Entwicklungen etwa in Japan oder in der Sowjetunion einzubeziehen vermag. Wenn Enzensberger 1960 schreibt: „Die moderne Poesie ist hundert Jahre alt. Sie gehört der Geschichte an“ (S. 19), liest sich das 1968 bei Leslie A. Fiedler so: „Die Literatur, die den Namen ‚Die Moderne‘ für sich in Anspruch nahm […], diese Literatur ist tot, das heißt, sie gehört der Geschichte an“ (S. 50). Dieses Zitat stammt aus der überarbeiteten Fassung des berühmten Vortrags, den Fiedler in Freiburg auf einem Symposium mit dem Nonsenstitel Für und wider die zeitgenössische Literatur in Europa und Amerika hielt und der eine Lawine an Reaktionen auslöste. In Wittstocks Reader werden sämtliche Beiträge dieser literaturhistorisch bemerkenswerten Debatte nun noch einmal gebündelt in Buchform vorgelegt. Es ist bezeichnend für die damalige Mentalität diesseits und jenseits des Atlantiks, dass Fiedlers Text in Deutschland zuerst in Christ und Welt erschien, und dass eine revidierte Fassung dieses Textes in den USA im Playboy publiziert wurde.

Wenn man Fiedlers Beitrag liest, fällt – tatsächlich ganz ähnlich wie bei Enzensberger – auf, dass es sich weniger um einen analytischen Text handelt denn um eine predigthafte Vision. Es ist eines der schönsten Verdienste dieser Anthologie, dass sie aufzeigt, wie sich Argumentationslinien bei Autoren, die eigentlich völlig gegensätzliche Ansichten vertreten, überschneiden: So arbeitet sich ein Großteil der Autoren daran ab, die Widersprüche in Fiedlers Text, die es ja gibt, herauszuarbeiten. Hintereinander gelesen wirken die Beiträge aber auch gelegentlich so, als würden die Autoren aneinander vorbeireden: Weil es relativ leicht war, Fiedler Widersprüche nachzuweisen (besonders Holthusen ist hier äußerst präzise), konnte man um seine eigentlichen Intentionen natürlich umso leichter einen Bogen machen. Das hat niemand so gut gesehen wie Rolf Dieter Brinkmann, der Fiedler emphatisch beispringt. Brinkmann wiederum bedient sich aber überraschenderweise der gleichen rhetorischen Figuren wie Robert Neumann, der sich bemüht (und man merkt ihm die Mühe an), Fiedlers Text gelassen abzutun. Neumann über Fiedler:

„[D]as Herzstück seiner Information ist: der Roman ist tot. Hier aber ist der Bart am längsten. […] Neu ist hier eigentlich nur, daß die Neuigkeit diesmal nicht von einem Romancier kommt, der die Ware nicht liefern kann und sich per generalisationem ein Alibi schaffen will für die höchsteigene Impotenz“ (S. 102f.).

Brinkmann über Fiedlers Gegner:

„Die Abwehr Fiedlerscher Ausführungen geht […] zuerst nicht auf das objektive Moment, sondern meint die ganz private Rechtfertigung vor den Augen der Lesergemeinde, wiewohl man im Namen einer Objektivität spricht (siehe: Walser […], auch so eine schöne Konvention unter Literaten mit schlechtem Gewissen, die ihre eigene Impotenz umstilisieren zur Impotenz allgemeiner Art!)“ (S. 120).

Nebenbei bemerkt kann es nicht verwundern, dass Martin Walsers intellektueller Beitrag zu dieser Debatte sich in der Meinungsäußerung erschöpft: „John Lennon ist prima“ (S. 95).

Erfreulich ist, dass in den von Wittstock ausgewählten Kommentaren der Literaten die jeweils Kritisierten bis etwa Ende der achtziger Jahre in der Regel auch beim Namen genannt werden. Danach aber geht es abwärts; die Debatte um Postmoderne in der deutschen Literatur zerfasert zusehends. Viele Beiträge der neunziger Jahre erschöpfen sich hauptsächlich in Nabelschau, Selbstvergewisserung und öder Kulturkritik. Es wäre wohl zu einfach, dies nur der Umbruchsituation der Wendezeit zuzuschreiben; es liegt sicherlich auch daran, dass die literarischen Qualitäten der hier versammelten Autoren eben stark schwanken. Wer mag, kann ja etwa die Texte von Bodo Kirchhoff oder Uwe Kolbe für entbehrlich halten oder sich über den rein feuilletonistischen Beitrag von Peter Sloterdijk mokieren, der mit einem wenig gehaltvollen Kalauer aufwartet: „Wir sagen Nachmoderne mit einem verlegenen Lächeln, als wüßten wir, daß es Nochmoderne heißen müßte“ (S. 217). In seinem Rückblick auf die Fiedler-Debatte schreibt Reinhard Baumgart:

„Karl Heinz Bohrer nutzte die Gelegenheit zu einem Rundumschlag gegen deutschen Provinzialismus, gegen das auf Gesellschaftskritik abonnierte juste milieu der Literaten“ (S. 173).

Da dieser Bohrer-Text explizit erwähnt wird, wäre es vielleicht zweckmäßig gewesen, ihn in die Anthologie aufzunehmen. Die Überlegung, weshalb hingegen Bernd Eilerts Erzählung Was zuviel ist … aufgenommen wurde, obwohl es im Reader eingangs heißt:

„Gedichte, Erzählungen oder Romane, also literarische Kunstwerke im engeren Sinne, […] sind […] nicht aufgenommen worden, um solche vielschichtigen poetischen Werke im hier verhandelten Zusammenhang nicht auf den Charakter simpler Belegstücke zu reduzieren“ (S. 11),

überlässt Wittstock als heitere Denksportaufgabe den Lesern.

In etwas anderer Zusammenstellung, mit teilweise anderen Beiträgern und unter dem Titel Roman oder Leben. Postmoderne in der deutschen Literatur war dieser Reader 1994 schon einmal bei Reclam Leipzig erschienen. Im Vergleich fällt auf, dass dort nicht das Nachwort zum Museum der modernen Poesie , sondern ein anderer Text von Enzensberger abgedruckt wurde, aus dem Jahr 1982: „Das Ende der Konsequenz“. Es ist verständlich, dass dieser Text nicht noch zusätzlich in die stark überarbeitete Neufassung aufgenommen wurde, da die Enzensberger-Beiträge sonst etwa ein Viertel des Buches ausgemacht hätten und mithin stark überdimensioniert gewesen wären. Dennoch lohnt es sich, diesen Beitrag nachzulesen, da Enzensberger dort, bevor er zu einer wiederum ebenso widersprüchlichen wie glänzenden Argumentation ansetzt, die wichtige Frage aufwirft (ohne dass er sie so formulieren würde): Bedeutet Postmoderne in der Literatur, keine Haltung mehr zu haben? Seine Argumentation soll hier nicht referiert werden, aber seine Antwort (ohne dass er sie so formulieren würde) lautet, kurz gesagt: Nein.

Joseph Wälzholz , 15.05.2017

 

Anmerkung:

[*] Obwohl es bekanntlich sehr leicht wäre, eine solch allgemeingültige Definition aufzustellen – zum Beispiel so: Postmodern sind all jene Literaten zu nennen, die frühestens im 20. Jahrhundert geboren wurden und die so ähnlich schreiben wie Fischart in der Geschichtklitterung .